Skip to main content Skip to page footer
| Medien

Ausbildung überzeugt – Rahmenbedingungen müssen Schritt halten

NEUBRANDENBURG (IHK/PM). Die duale Ausbildung behauptet sich im östlichen Mecklenburg-Vorpommern auch unter schwierigen Rahmenbedingungen. Die Auszubildenden selbst bewerten ihre Ausbildung deutlich positiv: 84 Prozent würden ihren Ausbildungsbetrieb weiterempfehlen, 78 Prozent erlernen ihren Wunschberuf. Das ergab die Ausbildungs- und Azubi-Umfrage der IHK Neubrandenburg für das östliche Mecklenburg-Vorpommern.

„Unsere Unternehmen halten an der Ausbildung fest, und die große Mehrheit der jungen Menschen ist mit ihrer Entscheidung zufrieden. Das ist eine starke Grundlage für die Fachkräftesicherung unserer Region“, sagt Torsten Haasch, Hauptgeschäftsführer der IHK Neubrandenburg. „Die Umfragen zeigen aber ebenso deutlich, wo wir handeln müssen: bei den Voraussetzungen zum Ausbildungsstart, bei leistungsfähigen und erreichbaren Berufsschulen, bei Mobilität und moderner Bildungsinfrastruktur. Genau dort setzen unsere bildungspolitischen Forderungen zur Landtagswahl an.“

Wer 2026 einen Last-Minute-Ausbildungsplatz sucht, findet diese u.a. am 4. September auf der “KarriereWelten” im Neubrandenburger Jahnsportforum.

Betriebe wollen ausbilden – die Besetzung bleibt schwierig
Mehr als jeder zweite befragte Betrieb konnte nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. 57 Prozent der teilnehmenden Unternehmen gelang es 2025 nicht, sämtliche angebotenen Plätze zu vergeben. Bundesweit liegt dieser Anteil mit 49 Prozent niedriger.

Dabei zeigt sich eine regionale Besonderheit: Jeweils 48 Prozent der betroffenen Betriebe erhielten überhaupt keine Bewerbungen oder keine geeigneten Bewerbungen. Bundesweit berichten lediglich 24 Prozent von vollständig ausbleibenden Bewerbungen, während 65 Prozent keine geeigneten Bewerbungen erhalten. Im östlichen Mecklenburg-Vorpommern treffen damit Bewerbermangel und Passungsprobleme gleichzeitig aufeinander.

Aus Sicht der IHK Neubrandenburg muss Berufsorientierung deshalb frühzeitig, praktisch und kontinuierlich erfolgen. Jugendliche müssen Berufe und Betriebe tatsächlich kennenlernen und ihre eigenen Fähigkeiten realistisch einschätzen können.

Ausbildungsstart: Betriebe sehen erhebliche Defizite bei Kompetenzen
Besonders deutlich fallen die Rückmeldungen zur Ausbildungsreife aus. 95 Prozent der befragten Betriebe stellen Mängel bei den Voraussetzungen zum Ausbildungsstart fest. Bundesweit sind es mit 94 Prozent nahezu ebenso viele.

In der Region beobachten 52 Prozent häufig oder immer Defizite bei der grundlegenden mentalen Leistungsfähigkeit. Bei Mathematik und Belastbarkeit sind es jeweils rund 49 Prozent, bei wirtschaftlichen Grundkenntnissen 46 Prozent und beim Ausdrucksvermögen 39 Prozent. Auch bundesweit sieht etwa jeder zweite Betrieb häufige Probleme bei kognitiven Kompetenzen und Belastbarkeit; bei Mathematik, Deutsch und wirtschaftlichem Grundwissen sind es rund vier von zehn.

Für die IHK Neubrandenburg folgt daraus eine klare Forderung: Schulabschlüsse müssen aussagefähiger und vergleichbarer werden. Grund- und insbesondere MINT-Kompetenzen müssen verlässlich vorhanden sein. Gleichzeitig braucht Berufsorientierung deutlich mehr Praxisnähe. Ein Schulabschluss muss den Betrieben eine belastbare Einschätzung ermöglichen, auf welchen Kompetenzen die Ausbildung aufbauen kann.

Viele Unternehmen reagieren selbst
33 Prozent bieten eigene Nachhilfe an, 30 Prozent geben lernschwächeren Jugendlichen auch ohne öffentliche Förderung eine Chance. 26 Prozent nutzen zweistufige Ausbildungsmodelle – bundesweit sind es lediglich 14 Prozent. Damit übernehmen Betriebe erhebliche zusätzliche Bildungsleistungen.

Solche Unterstützung darf aber nicht allein an den Unternehmen hängen. Die IHK Neubrandenburg fordert deshalb auch, private Bildungsdienstleister zu unterstützen. Technologischer Wandel muss bei Förderentscheidungen berücksichtigt werden. Investitionen in moderne Werkstätten und Labore müssen auch dort möglich sein, wo Bildungsdienstleister gemeinsam mit kleinen und mittleren Unternehmen Ausbildung sichern.

KI verändert Ausbildung
Künstliche Intelligenz ist in der betrieblichen Ausbildung angekommen. 58 Prozent der befragten Unternehmen bewerten ihre Bedeutung inzwischen als mittel, hoch oder sehr hoch. 47 Prozent lassen Auszubildende bereits selbstständig mit KI arbeiten. Gleichzeitig bereitet rund ein Drittel seine Auszubildenden bislang nicht gezielt auf das veränderte Arbeiten mit KI vor.
Das macht moderne Bildungsinfrastruktur an beiden Lernorten notwendig. Berufsschulen und Betriebe müssen Anwendungskompetenz ebenso vermitteln wie Quellenprüfung, Datenschutz, Urheberrecht und den verantwortungsvollen Umgang mit betrieblichen Informationen.

Auszubildende geben ihren Betrieben gute Noten
Die Sicht der 252 befragten Auszubildenden zeigt eine ausgesprochen positive Seite der dualen Ausbildung. 84 Prozent würden ihren Ausbildungsbetrieb weiterempfehlen. 78 Prozent erlernen ihren Wunschberuf. Auch die konkreten Bedingungen im Betrieb werden positiv bewertet: Rund 90 Prozent bescheinigen ihrem Ausbildungsbetrieb ein gutes Betriebsklima, 87 Prozent eine gute Begleitung durch die Ausbilderinnen und Ausbilder und 86 Prozent eine gut organisierte Ausbildung.

Entscheidend für die Wahl einer Ausbildung bleiben die beruflichen Perspektiven. Rund 95 Prozent nennen den Praxisbezug als wichtig, ebenfalls rund 95 Prozent die Übereinstimmung der beruflichen Aufgaben mit den eigenen Interessen. 90 Prozent verbinden ihre Ausbildung mit Übernahme- und Karrierechancen. Daraus folgt für die IHK Neubrandenburg auch ein Auftrag über die Erstausbildung hinaus: Die Höherqualifizierende Berufsbildung muss gestärkt werden. Abschlüsse auf DQR-Niveau 6 und 7 (entspricht Bachelor- bzw. Masterniveau) sollten branchenneutral finanziell gefördert werden – einschließlich des „Meister-Extras“. Die Aufstiegsfortbildung braucht transparente und verlässliche Förderbedingungen.

Praktische Berufsorientierung wirkt
Was jungen Menschen bei der Berufswahl tatsächlich hilft, ist eindeutig. 54 Prozent nennen ihr persönliches Umfeld, 52 Prozent Praktika. Internet und soziale Medien folgen mit 35 Prozent, Ausbildungsmessen mit 18 Prozent. Die Ergebnisse bestätigen damit, dass praktische Erfahrungen durch nichts zu ersetzen sind. Schulen, Unternehmen und IHK müssen jungen Menschen häufiger Gelegenheit geben, Berufe im betrieblichen Alltag kennenzulernen: Ein besonders sichtbares Beispiel dafür ist die “KarriereWelten”  am 4. September im Neubrandenburger Jahnsportforum: Gemeinsam mit der Handwerkskammer Ostmecklenburg-Vorpommern und der Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg bringt die IHK Neubrandenburg dort mehr als 140 Aussteller, über 220 Ausbildungsberufe sowie tausende Lehrstellen und Praktikumsplätze auf der größten Messe für duale berufliche Bildung in Mecklenburg-Vorpommern zusammen.

Mobilität ist in der Region ein Ausbildungsfaktor
Besonders groß ist der regionale Unterschied bei der Mobilität. 29 Prozent der befragten Auszubildenden sind für ihre Ausbildung umgezogen. In der Gesamtbefragung der neuen Bundesländer sind es nur rund 15 Prozent. Hinzu kommen lange Berufsschulwege. Rund 29 Prozent benötigen für die einfache Fahrt mindestens eine Stunde, etwa 14 Prozent sogar mindestens 90 Minuten. Zum Ausbildungsbetrieb ist dagegen nur bei rund acht Prozent mindestens eine Stunde erforderlich.

„Die jungen Menschen zeigen eine erhebliche Mobilitätsbereitschaft. Diese Bereitschaft darf aber nicht zum finanziellen Risiko werden“, sagt Haasch. Die IHK Neubrandenburg fordert deshalb, Fahr- und Unterkunftskosten gerecht zu finanzieren: Zuschüsse sollten unabhängig von der Höhe der Ausbildungsvergütung gewährt werden, Auszubildende sollten nicht über längere Zeit in Vorleistung gehen müssen und die Förderrichtlinien müssen praktikabel ausgestaltet sein.

Berufsschulen müssen verlässlich funktionieren
Auch der Unterrichtsausfall bleibt eine Herausforderung. Rund 18 Prozent der regional befragten Auszubildenden erleben ihn oft oder sehr oft. Einschließlich der Antwort „manchmal“ sind in der Region deutlich mehr als die Hälfte der Befragten betroffen.
64 Prozent der regionalen Auszubildenden nutzen KI in ihrer Freizeit. In der Berufsschule sind es 42 Prozent und im Ausbildungsbetrieb lediglich 14 Prozent. Für die IHK Neubrandenburg bestätigt dies die Forderung, die beruflichen Schulen zu stärken. Notwendig sind wohnort- und betriebsnahe Beschulung, eine leistungsfähige digitale Infrastruktur, flexiblere Mindestschülerzahlen sowie bessere Möglichkeiten für Quer- und Seiteneinstieg. Digitale und hybride Unterrichtsformen können gerade im Flächenland dazu beitragen, Fachunterricht zu sichern und lange Wege zu reduzieren.

Haasch: „Die duale Ausbildung hat in unserer Region eine starke Basis. Die Betriebe engagieren sich und die Auszubildenden sehen Praxis, Perspektiven und gute Karrierechancen. Jetzt muss die Politik dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen dieses Engagement unterstützen. Transparente Schulabschlüsse, praxisnahe Berufsorientierung, erreichbare Berufsschulen, faire Mobilitätsbedingungen und eine moderne Bildungsinfrastruktur sind dafür entscheidend.“

Hintergrund: An der IHK-Ausbildungsumfrage 2026 beteiligten sich 80 Ausbildungsbetriebe (ca. 8 Prozent) aus dem Bezirk der IHK Neubrandenburg. Die Befragung fand vom 11. bis 29. Mai im Rahmen der bundesweiten DIHK-Ausbildungsumfrage statt (14.058 Unternehmen nahmen teil).

An der IHK-Azubiumfrage beteiligten sich 252 Auszubildende des ersten Ausbildungsjahres (ca. 18 Prozent der 2025 neu eingetragenen Berufsausbildungsverhältnisse) aus dem IHK-Bezirk Neubrandenburg. Vergleichswerte stammen aus der Befragung von insgesamt 5.314 Auszubildenden in den neuen Bundesländern.

Hier geht es zur Ausbildungs- und Azubiumfrage.